Warum Nachrichten wie Castingshows sind und es dabei nur Verlierer gibt

Ich schaue keine Nachrichten, gar nicht mehr!

Sag so etwas mal in großer (oder auch kleiner) Gesellschaft und die Diskussionen brechen los.

Was, wieso das denn? Dann weißt du ja gar nicht mehr, was in der Welt los ist.

Verdummt man da nicht total?

Das ist unverantwortlich du kannst doch nicht einfach so die Augen verschließen, vor dem Leid der Welt.

Das sind nur einige der Reaktionen, die ich auf eine solche Aussage bekommen habe.

Dazu ein paar Details: Ich bin gelernte Journalistin und habe lange in Nachrichtenredaktionen gearbeitet. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich mittlerweile wunderbar ohne sie auskomme. Ich weiß, wie Nachrichten gemacht werden. Tausend potentiell interessante Meldungen kommen „rein“ (sei es aus Außenstudios, freien Mitarbeitern, externen Firmen oder den klassischen Nachrichtenagenturen), doch nur ein paar davon schaffen es in die Sendung. Und zwar genau so viele, wie Sendeminuten zur Verfügung stehen. Im klassischen Sommerloch haben dann alle einen Nachrichtenwert, der gegen 0 geht, ansonsten sind schon viele dabei, die die meisten Menschen durchaus als berichtenswert empfinden.

Ich vergleiche das ganze System gerne mit dem einer Castingshow. Da kommen auch durchaus viele zum Casting, einige sind sehr besonders, einige skurril, manche richtig gut und einige total durchgeknallt. Welche werden jetzt ausgewählt? Die besten? Nein, quatsch, das hat ja kaum Unterhaltungswert. Die richtig Skurrilen und Durchgeknallten müssen auch in die Sendung, das belustigt die Leute. Ein paar Gute kommen weiter, damit die Mischung stimmt und dann noch ein paar ganz Schlechte, damit jeder denkt: Also das kann ich auch!

Bei den Nachrichten ist es genauso: Gute will kaum ein Mensch hören, ist ja langweilig. Also kommen erstmal jede Menge schreckliche Sachen und Unfälle mit in die Sendung, da gucken die Leute hin und sind völlig geschockt (oder mittlerweile völlig abgestumpft?), ein paar Nachrichten sind aus der Reihe „das gibt’s doch gar nicht“ und dann gibt es natürlich immer ein aktuelles Krisengebiet, auf das sich alle Sender gleichzeitig stürzen. Manchmal ist es Ägypten, manchmal Syrien oder die Ukraine.

In meiner Zeit bei den Nachrichten haben wir auch jede Menge Informationen über Aufruhr, Freiheitsdemonstrationen oder Bürgerkriege in anderen Teilen der Welt bekommen. Südamerika zum Beispiel oder aus Kontinenten in Afrika, von denen der Durchschnittsdeutsche wahrscheinlich noch nie gehört hat. Aber bei sowas heißt es dann gerne:

Das senden wir nicht. Das ist zu weit weg vom Zuschauer

Mittlerweile bin ich der Meinung: alle Nachrichten sind zu weit weg, nämlich zu weit weg von meinem eigenen Leben. Klar, ist es interessant zu erfahren, was in der Welt so vor sich geht, aber für mein eigenes Leben ändert es rein gar nichts. Die wenigsten Leute gucken etwas über Krisen im Nahen Osten, um danach für die Freiheit der Menschen dort aktiv zu werden. Und wenn es ein paar von denen gibt, dann ziehe ich meinen Hut und sage: Respekt. Aber meist rieseln diese ganzen Informationen über Skandale, Tod und Unfälle in unser Wohnzimmer und das einzige was sie dort hinterlassen ist ein bitterer Nachgeschmack.

Umfassend informiert über alles, was in der Welt so vor sich geht, bin ich nie, denn was wir präsentiert kriegen, ist immer selektiert und richtet sich nach Meinungen und vielfach einfach nach anderen Medien (wenn die es machen, müssen wir das auch machen, noch so ein Spruch der beim Fernsehen sehr häufig fällt). Was in der Welt so vor sich geht, will ich gar nicht komplett wissen. Viel wichtiger ist doch, was bei mir in meinem Haus, vor meiner Haustür und in meinem direktem Umfeld passiert. Und da habe ich sogar die Chance, einzugreifen, wenn mir was nicht passt.

Ich habe das Gefühl, dass die meisten Menschen viel zu sehr darauf fixiert sind, was da draußen so passiert, dass sie gar nicht mehr merken, was bei Ihnen im Leben gerade passiert.

Bei der Castingshow sagt die Mehrheit der Leute danach: War doch eh alles abgesprochen, war klar, wer gewinnt! Bei den Nachrichten kann man auch vorher sagen, über was und wen liebend gern berichtet wird.

Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, bewusst keine Nachrichten mehr zu gucken. Hin und wieder höre ich zufällig was im Radio oder lese was im Internet. Und ich verpasse trotzdem nichts Wichtiges. Denn ich spreche mit Menschen und die erzählen mir dann, wenn irgendwas wahnsinnig Bewegendes oder extrem Wichtiges passiert ist. Das wirklich Wichtige dringt auch ohne extremen Nachrichtenkonsum zu einem durch! Ich bleibe also von diesen ganzen Bullshit-Nachrichten verschont, die eh jeder wieder vergessen hat, sobald er den Flimmerkasten ausmacht.

Und das ist unglaublich beruhigend. Ich fühle mich frei, verpasse rein gar nichts und habe Zeit, mich um Sachen zu kümmern, die einen Unterschied für mein Leben machen!

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